Ein Herz aus Fleisch erfordert Mut.

Wir alle werden mit einem Herz aus Fleisch geboren. Das ist unser natürlicher Zustand. Und damit ist kein sündiges Herz gemeint, sondern ein lebendiges. Ein Herz, das schlägt. Ein Herz, das fühlt. Ein Herz, das verletzlich ist. Ein Herz, das mitfühlend ist. Ein Herz, das barmherzig ist. Ein Herz, das liebt.

Unser Herz ist die geistliche Ebene, auf der wir mit allem Leben und allen Lebewesen liebevoll verbunden sind. Doch Hesekiel 36,26 spricht von einem Herz aus Stein, das Gott von uns nehmen und durch ein Herz aus Fleisch ersetzen möchte.

Haben wir denn ein Herz aus Stein? Wann wurde aus einem Herz aus Fleisch ein Herz aus Stein? Haben wir unser Herz aus Fleisch verloren?

Zeit, für eine GeistReiche Perspektive!

Cogito ergo sum – diesen Ausspruch des französischen Philosophen Rene Decartes aus dem 17.Jh haben wir ins Deutsche übersetzt mit Ich denke, also bin ich und damit eine Initialzündung für die Vorherrschaft unseres Verstandes gelegt.

Das Adverb „also“ in diesem Zusammenhang, ist aber nicht irgendeins, sondern ein Kausaladverb, d.h. des Grundes bzw. der Ursache. Das bedeutet konkret: ich denke, also bin ich – die Fähigkeit zu denken ist die Ursache dafür, dass ich existiere. Wenn ich nicht denke, kann ich nicht existieren.

Im Original von Rene Descartes heißt es jedoch „ego cogito ego sum“

Ich denke, ich existiere. Und das ist kein kausaler Zusammenhang zwischen Denken und Existenz, sondern eine Aufzählung, also eher eine Feststellung, eine Erkenntnis. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Denken und Existenz – und schon gar keinen kausalen.

Aber dieses Missverständnis hat zu einer unverhältnismäßigen Betonung unserer geistigen Fähigkeiten, also der kognitiven, mentalen und intellektuellen Aspekte unseres Verstandes, zu einer Verherrlichung unseres Intellekts und unserer Fähigkeit Gedanken zu entwickeln, geführt.  Das widerum hat aber zu einer Reduzierung unserer komplexen Fähigkeiten als menschliche Spezies geführt.

Die Verherrlichung unseres Verstandes, die Betonung unserer Vernunft, ohne Bewusstsein dessen, dass Vernunft eine Geisteskraft und keine Fähigkeit unseres Verstandes ist, führt dazu, dass wir die Qualität unseres Herzens außer Acht gelassen und auf eine Form von „Gefühlsduselei“ reduziert haben. Gefühle werden mit Fühlen gleichgesetzt und dem Verstand unterzuordnen eingestuft. Das führt zwangsläufig zu Herausforderungen im Umgang mit emotionalen Wunden, psychischem Ungleichgewicht und seelischer Überforderung. Aus dem Bewusstsein heraus, nie wieder diese schmerzvollen Gefühle fühlen zu müssen, lagern wir unsere Gefühle aus in den Verstand. Folglich wird mit dem Kopf gefühlt, mit dem Verstand geliebt und leidenschaftliche Lust heroisiert, um überhaupt noch etwas fühlen zu können. Dein Verstand wurde aber nicht dafür geschaffen zu fühlen. Er hat eine Vorstellung davon, aber die ist letztendlich eine Illusion.  Unser Herz verhärtet. Unser Herz wird zu Stein.

Unser Verstand wird zur Kontrollinstanz im Umgang mit unseren Gefühlen. Vermeintlich unangenehme Gefühle werden verdrängt, auf andere projiziert oder schlichtweg unreflektiert ausgelebt.

Aber unser Verstand sollte ein Raum sein, in dem Gefühle sein dürfen, wahrgenommen und geheilt werden können. Ein Raum, in dem unangenehme Gefühle sein dürfen und (aus)gehalten werden. Ein Herz aus Fleisch ist weitaus mehr als Gefühlsduselei. Ein geheiltes und lebendiges Herz ist die Voraussetzung für Mitgefühl und Barmherzigkeit – uns selbst und anderen gegenüber. Das erfordert Mut!

Doch wir müssen das nicht alleine tun. Überlasse Gott dein geschundenes Herz und schaue zu, was passiert. Erlaube Gott, dir dein Herz aus Stein zu nehmen und dir ein neues aus Fleisch zu geben.

Amen.

„Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“ Hesekiel 36,26

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